Ich bin Pippo, 42 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und ich lebe seit meiner Kindheit mit ARFID. Und ich habe den Wunsch entwickelt, ARFID bekannter zu machen. Damit Betroffene, die heute noch Kinder sind, leichter durchs Leben kommen, als es bei mir rückblickend der Fall war.
Ich möchte, dass sich Menschen mit ARFID und ihre Familien weniger allein fühlen. Ich möchte, dass verzweifelte Eltern sich gesehen fühlen und darin bestärkt werden, ihr Kind mit ARFID zu unterstützen. So schwer das auch oft ist. Und dass gesellschaftlich endlich verstanden wird, dass hinter diesem Verhalten mehr steckt als „wählerisch sein".
Meine Geschichte mit ARFID
ARFID begleitet mich, seit ich denken kann.
Schon als Kind war Essen für mich kein normales Alltagsthema, sondern oft mit Stress, Druck und Unsicherheit verbunden. Während andere einfach gegessen haben, war Essen für mich in der Regel schwierig und die meisten Nahrungsmittel sogar unmöglich.
In der Schule, bei Freunden, auf Feiern oder im Urlaub: Essen war nie einfach nur Essen. Es war etwas, das mich massiv beschäftigt hat. Etwas, das geplant und erklärt werden muss. Ich habe früh gelernt, Situationen zu vermeiden oder mich irgendwie durchzumogeln. Und lange Zeit dachte ich, ich sei einfach „komisch" oder „schwierig".
Erst Jahrzehnte später habe ich verstanden, dass das, was ich erlebe, einen Namen hat: ARFID. Und dass es nicht darum geht, dass ich nicht will. Sondern oft darum, dass ich nicht kann. Dieses Verständnis hat nicht plötzlich alles gelöst, aber es hat vieles eingeordnet.
Im Alter von etwa 40 Jahren wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, dass ich mit diesem Thema nicht allein bin. Dass es anderen Menschen genauso geht. Und dass das, was ich mein Leben lang als „anders sein" erlebt habe, für viele ein täglicher Kampf ist.
Seit 2025 spreche ich offen darüber. Am Anfang vor allem, um mir selbst zu helfen. Aber schon nach wenigen Wochen habe ich gemerkt, wie viele Menschen sich in meinen Erfahrungen wiederfinden. Wie viele Eltern erleichtert sind, wenn sie verstehen, was hinter dem Verhalten ihres Kindes steckt.
Und wie groß der Bedarf ist, darüber ehrlich zu sprechen. Ohne Druck, ohne Vorwürfe und ohne falsche Versprechen.
Mein Blick heute
Neben ARFID bin ich vor allem eines: Papa von zwei wundervollen Kindern.
Und genau das hat meinen Blick auf das Thema nochmal verändert. Weil ich nicht nur selbst betroffen bin, sondern auch sehe, was es bedeutet, ein Kind durch herausfordernde Situationen rund ums Essen zu begleiten. Schon die „Nudelphase", die wahrscheinlich jedes Elternteil kennt, empfand ich als aufregend, weil ich mir Sorgen machte, ob genügend Nährstoffe ans Kind kommen.
Als ausgebildeter Grundschullehrer habe ich auch an Schulen oft gemerkt, wie schnell Kinder mit besonderen Herausforderungen auch heute noch missverstanden werden und sich große Herausforderungen beim täglichen Essen in der Schule entwickeln können.
Heute verbinde ich genau diese Perspektiven: Meine eigenen Erfahrungen, meinen Blick als Papa und das Verständnis aus dem pädagogischen Bereich.
Außerdem bilde ich mich gerade in Ernährungspsychologie weiter – weil mich interessiert, was hinter Essverhalten steckt, auch jenseits meiner eigenen Erfahrungen.
Nicht perfekt. Aber ehrlich. Und nah am echten Leben.
Meine Mission
Mir geht es nicht darum, perfekte Lösungen zu präsentieren.
Mir geht es darum, Verständnis zu schaffen und Druck rauszunehmen. Ich möchte Wege zeigen, die sich realistisch anfühlen und dabei stets die Gefühlswelt der Betroffenen, aber auch des Umfelds im Auge haben.
Ich teile meine Erfahrungen, Gedanken und Strategien. Nicht als Therapie, sondern als Unterstützung aus dem echten Leben. Und ich möchte einen Raum schaffen, in dem Betroffene und Angehörige sich gesehen fühlen. Ohne Scham. Ohne Rechtfertigung.
Denn genau das hätte ich rückblickend in meinem Leben gebraucht.
Mein Weg mit ARFID – eine Zeitleiste
ARFID verläuft nicht linear. Aber es gibt Momente, in denen sich plötzlich eine Tür öffnet. Hier sind meine.
ARFID beginnt
Bis dahin normal gegessen. Dann plötzlich nur noch eine Handvoll Dinge – und das über viele Jahre.
Der erste Durchbruch
Der Geruch von Roastbeef aus dem Backofen hat mich angelockt – und ich habe es einfach probiert. Und für gut befunden. Von da an habe ich mich nach und nach durch verschiedene Fleischarten vorgearbeitet. Ein riesiger Schritt.
Neue Türen
Langsam kamen weitere Dinge dazu – teils mit echtem Genuss, teils mit großer Überwindung.
Feste Favoriten
Country Potatoes einer bestimmten Marke wurden ein echter Fixpunkt im Alltag. Reis war auch möglich – aber ohne jeden Genuss dabei.
Die ersten Rohkost-Momente
Paprika als Rohkost – das klang lange undenkbar. Und dann ging es doch. Auch ein einfacher Salat und Äpfel kamen dazu. Lachs war möglich, hat mir aber nicht wirklich geschmeckt.
Ein richtiges Gemüsegericht
Das erste Mal ein Gericht mit mehreren Gemüsesorten – und es hat nicht nur funktioniert, sondern mir wirklich Freude gemacht. Reis hat sich im Ranking deutlich nach oben bewegt.
Meine aktuelle Speisekarte
Das ist das, was ich heute regelmäßig essen kann – nach fast 37 Jahren mit ARFID. Keine vollständige Ernährung nach Lehrbuch. Aber meine Ernährung. Und das ist genug.